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Samstag, 28.4.18 – Einmal quer durch das Land Teil II – nach Berat

Oder auch der Tag, an dem ich mein Handy in den Wasserfall warf.
Doch dazu später mehr.

Da unser Flug am Sonntag von Tirana aus nach Deutschland zurück gehen würde, mussten wir noch einmal quer durch das Land.
Wir hatten als Tagesziel Berat festgelegt, das laut GoogleMaps in etwa 5-6 Stunden zu erreichen wäre, so fuhren wir gegen halb 9 los, um möglichst nachmittags in Berat zu sein.
So war jedenfalls der Plan.
Die erste Schwierigkeit bestand darin, in Saranda eine passende Tankstelle zu finden. Die erste sah nicht sonderlich vertrauenserweckend aus, weshalb ich einfach weiterfuhr, aber keine Ahnung hatte wohin, um aus der Stadt hinaus zu kommen, weshalb wir uns einfach verirrten.
Zum Glück kam uns in den engen Straßen der bunte Bus „unserer“ Reisegruppe entgegen und Busfahrer Real musste ja wissen, wo es hin ging, weshalb wir dem Bus einfach folgten.
In der Innenstadt von Saranda entdeckte ich eine Tankstelle, die ganz nett aussah und wo man scheinbar mit Kreditkarte bezahlen konnte, laut Aufkleber an der Tanksäule. Doch während der Tankwart das Auto befüllt, machte er mir deutlich klar, dass nur Bares Wahres ist, weshalb ich nun fast sämtliche LEK los war.
Den Reisebus überholten wir wenig später an einer anderen Tankstelle, wo bestimmt Kartenzahlung möglich gewesen wäre.

Wir folgten der Straße immer parallel zur Küste, wobei man nicht viele direkte Ausblicke auf das Meer hat, weil meist ein paar Hügel zwischen Straße und Wasser waren. Aber die Straße war gut ausgebaut und ließ sich schön befahren, manchmal standen plötzlich Kühe oder Esel mitten auf dem Weg , weshalb man doch aufmerksam bei der Sache bleiben sollte.
Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichten wir den ersten Halt Borsh. Hier gibt es ein Restaurant, in dessen hinterem Bereich mehrere kleine Wasserfälle an den Sitzmöglichkeiten vorbeirauschen.
Hätten wir die Adresse nicht gewusst und beim Aussteigen nicht auf das Wasserrauschen geachtet, wären wir sicher vorbeigefahren, denn von außen erscheint das Gebäude eher unscheinbar.

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Den Außenbereich hinter dem Haus würde ich fast als Wasserterrasse bezeichnen. Es gab viele Tische und Sitzmöglichkeiten und von überall schien das Wasser nach unten zu strömen. Es war traumhaft schön und lud zum Verweilen ein.
Und hier passierte auch mein persönliches Unglück. Bei einem Spaziergang über die Treppen glitt ich auf den nassen Stufen aus. Ich hatte mein Handy in der Hand gehabt, da ich noch ein paar Fotos machen wollte und als ich nun auf meine Hand starrte, war das Handy verschwunden. Und neben mir war einer der Wasserfälle.
Während sich mein Kopf leerte und der Schock einsetzte, sickerte langsam die Information durch. Ich rannte einmal durch das Restaurant, rief Kali vorher noch verzweifelt zu, dass ich mein Handy in den Wasserfall geworfen hatte, wobei sie das eher als Scherz abtat.
DSC00579 KopieVor dem Restaurant hatte ich in meinem Schockzustand ein Fünkchen Hoffnung, dass das Handy im Wasserbecken vor dem Gebäude schwimmen würde, aber eigentlich war klar, dass man bei den Wassermassen gar nicht suchen brauchte. In diesem Moment hielt der bunte Bus mit der Reisegruppe und während mich Martin freudig begrüßte, berichtete ich schniefend vom Geschehenen. Prinzipiell ist das Handy nur ein technisches Gerät und alles ist ersetzbar, aber irgendwie hängt mittlerweile an den Smartphones schon ziemlich viel und in meinen Schock war das Drama in meinem Kopf zu einer mehrteiligen Tragödie geworden.
Wie mir Martin dann auch versicherte, war es gut, dass mir nichts passiert war und schlimmer wäre es gewesen, wenn meine Kamera das Schwimmen gelernt hätte, aber es dauerte etwas bis sich mein Trauerzustand besserte. Für die Reisegruppe gab es nun etwas Spannendes zu sehen, denn einer der Angestellten des Restaurants wurde sogar mit Gummistiefeln genötigt in den Wasserfall zu steigen und später in das Wasserbecken, auf der Suche nach meinem Handy. Mir war das fast schon peinlich, da ich es als realistisch einschätzte, dass das gute Stück verloren war, aber die Mühe der anderen rührte mich sehr. Ich bin da schon ziemlich emotional veranlagt.

Wir verbrachten nun doch mehr Zeit als geplant in Borsh, denn wir mussten unsere Zieldaten jetzt auf Kalis Handy suchen, denn meines war Buchungsbestätigung, Navigationsgerät und Landkarte in einem gewesen. Martin ließ uns eine Straßenkarte mit Beschreibung da, denn der Bus musste weiter und ich brauchte noch etwas Zeit zum Durchatmen. Wir würden die Gruppe sowieso später wiedertreffen.
Gegen um 11 erreichten wir Porto Palermo, das nicht weit von Borsh entfernt ist.

Porto Palermo

Porto Palermo selbst ist eine gut geschützte Bucht, in der es zum einen ein ehemaligen U-Boot-Bunker gibt, den ich mir gern näher angeschaut hätte, aber dazu fehlte uns die Zeit und zum anderen auf einer Halbinsel eine guterhaltene Festungsanlage. Die Burg ähnelt mit ihrem dreieckigen Grundriss sehr der Festung gegenüber von Butrint, die wir wenige Tage zuvor besucht hatten.
DSC00626 KopieDie Geschichte der Burg von Porto Palermo ist nicht ganz klar, meist wird sie Ali Pasha Tepelena zugeschrieben, allerdings soll es hier vorher schon Festungsanlagen gegeben haben.
Gegen gerade mal 100Lek (ca.80Ct) Eintrittsgebühr durften wir das alte Gemäuer besichtigen. Einige Leute kamen uns mit Taschenlampen entgegen, denn an vielen Stellen ist das nicht beleuchtete Innere sehr dunkel, weshalb versteckte Stufen oder Unebenheiten schnell übersehen werden können.
Dadurch dass das Innere überhaupt nicht saniert oder mit Lampen ausgestattet war, hatte der ganze Rundgang, der irgendwann auf dem Dach endete, etwas von einer Schatzsuche und war schon recht spannend, da alles irgendwie ursprünglich und verlassen wirkte.
Vom Dach aus hatten wir eine tolle Aussicht auf die Umgebung, sogar bis zum U-Boot-Bunker.

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Wir folgten der kurvenreichen SH8 weiter nach Norden, die Serpentinen hinauf zum Llogara-Pass, von wo man eine grandiose Aussicht auf die Landschaft und das Meer hat. Wenig später überholten wir wieder unseren bunten Bus, den wir dann zur Mittagszeit am Hotel Alpin wiedertrafen. Das Hotel Alpin war uns von Martin wärmstens empfohlen worden, da es das sogenannte „Volksviagra“ anboten: Schafsquark mit Honig, Nüssen und Zimt. Es war wirklich sehr lecker. Kurze Zeit später gesellte sich die Reisegruppe mit auf die Terrasse und Martin und Real teilten erneut ihr Essen mit uns.

Gegen um zwei brachen wir auf, mit dem Versprechen uns an der Ausgrabungsstätte Apollonia wiederzusehen. Mittlerweile hatten wir schon gemerkt, dass wir unserem Zeitplan mehr als hinterher hinkten, denn wir hatten gerade mal die Hälfte der Strecke geschafft.

Die SH8 schlängelte sich noch eine Weile durch das Gebirge, dann ging es die Küste entlang, bis sie ins Landesinnere abbog.
In der Stadt Fier bei Apollonia wurde unsere Fahrt zur echten Nervenprobe.
Irgendwann sprach das Navi, wir mögen doch links abbiegen und auch ein Schild am Straßenrand wies daraufhin, dass es in diese Richtung etwas zu sehen gab, nur wurde die Straße immer schmaler und schlechter, verließ schließlich Stadt und endete in einer Schotterpiste. So hatte ich mir die offizielle Anfahrt auf Apollonia nicht vorgestellt, aber man weiß ja nie. Wir hatten Straßenmäßig schon einiges erlebt.

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Das Navi behauptete selbstsicher, wir sollten einem Feldweg folgen, auf dem uns einige Motorradfahrer entgegenkamen, die sich scheinbar auch nicht ganz über die konrekte Straßenführung klar waren. Ein Mann am Wegesrand winkte auf unsere Ein-Wort-Frage: „Apollonia?“ weiter in die Richtung, in die das Navi auch wollte. Nun standen wir wenig später auf einer Straße, die laut Karte noch gar nicht existierte und sich scheinbar noch mitten im Bau befand. Großspurig wollte das Navi den nächsten Feldweg wieder rechts, auf dem ein Traktor angeholpert kam. Der Bauer wirkte etwas irritiert, wie wir denn wohl in dieser Pampa gelandet waren. Da wir nach erneuten Suchen auf der Karte weiterhin keine andere Lösung des Straßenproblems fanden, wagten wir uns todesmutig auf diesen Weg, der eigentlich nicht mehr als Feldweg hätte bezeichnet werden können. Mehr als Schneckentempo war nicht möglich, da wir keinen Achsenbruch erleiden wollten. Zwischenzeitlich musste Kali sogar von außen schauen, ob wir durch eine der vielen Kuhlen kommen würden ohne vorne und hinten aufzusitzen. Das Ganze hätte echt schief gehen können, denn Wenden und Rückwärtsfahren wäre auf der Strecke nicht möglich gewesen und wir waren mehrmals nahe dran in Löchern, Gräben oder Kuhlen steckenzubleiben. Die Nerven lagen mehr als blank.
Nach gefühlt schier endloser Zeit voller Schimpfwörter und Verzweiflungsattacken kamen Häuser in Sicht und ich hatte einfach nur die Hoffnung, dass diese Piste der Schleichweg von hinten gewesen ist und die eigentlich Dorfstraße zivilisierter wäre und es wurde wirklich besser.
Hut ab vor unserem armen Auto. Das hat auf der ganzen Reise schon einiges mitgemacht, aber das hier war wirklich das Schlimmste gewesen.
Gegen 16Uhr erreichten wir Apollonia.

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Unser bunter Bus war noch nicht da, so erkundeten wir ein wenig das Gelände. Apollonia wurde 88 v. Chr. von dorischen Siedlern aus Korfu und Korinth gegründet. Das restaurierte Agonotheten-Monument und das Odeon davor sind die Wahrzeichen dieses Ortes, viele große Bauwerke wie in Butrint sind hier nicht mehr zu finden.
Plötzlich kamen uns aus der Ferne winkende Menschen entgegen, die wir erst nicht recht zuordnen konnten.
DSC00685 KopieDann kam der Geistesblitz. Vor uns standen drei Herren, die wir das erste Mal in Ksamil am Strand gesehen hatten. Die drei waren uns nur in Erinnerung geblieben, weil zwei von ihnen einen anderen, der gerade am Steg ruhte, mit Wasser erschreckten und das Ganze doch eine recht unterhaltsame Aktion war. Dass diese drei aus Italien sich an uns erinnerten und gleich von weiten erkannten, lag sicher mitunter daran, dass wir ziemlich laut mitgelacht hatten und vielleicht auch an Kalis rosa Haaren.
Die Herren begrüßten uns überschwänglich mit Küsschen, obwohl wir uns vorher noch nie unterhalten hatten und nun standen wir vor dem Problem, dass wir immer noch kein Italienisch konnten und sie kein Englisch. Scheinbar schien es sie zu ärgern, dass sie früher keinen Englischkurs belegt hatten. Aber mit viel Gestik kam eine sehr kurze Konversation zustande. Klein ist die Welt.
Wenig später traf dann „unsere“ Reisegruppe ein und wir folgten noch einmal den Rundgang, diesmal mit den geschichtlichen Erklärungen von Martin.

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Im benachbarten Kloster Shen Meri war das Museum zwar schon geschlossen, dafür durften wir die Kirche besichtigen.
Die Aufmerksamkeit der meisten Rentner war nach dem langen Tag langsam erschöpft, weshalb sich die Gruppe gegen Ende der Besichtigung langsam auflöste.

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Einen letzten Halt gab es an diesen Tag für uns alle noch: das orthodoxe Kloster Ardenica. Auf dem Weg dorthin stellten Kali und ich fest, dass es definitiv eine bessere Anfahrtsstraße auf Apollonia gab als den Feldweg, obwohl die Straße trotzdem alles andere als Schlaglochfrei und ebenmäßig war, doch alles war besser als der Feldweg.
DSC00699 KopiePünktlich zum Sonnenuntergang trafen wir am Kloster ein. Martin hatte ausgehandelt, dass die Kirche trotz der späten Stunde besucht werden konnte. Der Innenraum war schon beeindruckend und kaum vergleichbar mit den Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es wirkte irgendwie düster, die Wände waren voller Ikonen und Schnitzereien, die Kanzel wirkte, als würde sie im Raum schweben.
Vor dem Kloster mussten wir uns dann wirklich von Martin verabschieden. Es war zwar nur eine kurze Zeit gewesen, aber so prägend, dass es Wochen hätten sein können. Es waren tolle Tage gewesen.

Über die gut ausgebauten SH4 und SH72 erreichten Kali und ich nach einer Stunde Berat. Die Suche nach unserer Unterkunft gestaltete sich wieder einmal sehr schwierig, denn das Navi wollte uns immer über Brücken oder Straßen führen, die für Autos gesperrt waren. Mithilfe der Wegbeschreibung einer jungen Frau erreichten wir schließlich annähernd unser Ziel, denn die Parkplatzsuche wurde etwas schwierig, denn obwohl im Internet bei der Hostelbeschreibung geschrieben war, dass es Parkplätze gäbe, hatten wir nur die Chance das Auto in der schmalen Gasse, wo unser Hostel stand, vor einer Ausfahrt zu parken und mit Erlaubnis der Mieterin des Hauses durften wir dort den Wagen stehen lassen. Nach diesem langen und nervenaufreibenden Tag wollte ich nicht noch im Dunkeln am Rande von Berat einen Parkplatz suchen müssen. Nach einer Führung durch das verwinkelte, aber sehr schöne Hostel mit einen der Mitarbeiter fielen wir todmüde ins Bett. Von Berat selbst sahen wir nur das, was sich im Dunkeln von unserer kleinen Terrasse aus zeigte.

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